Morbus Bechterew
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Was ist Morbus Bechterew?
Eine Erkrankung, die oft lange unerkannt bleibt
Morbus Bechterew – der Name klingt fremd, doch die Erkrankung betrifft in Deutschland schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Menschen. Viele von ihnen warten im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. In dieser Zeit werden die Beschwerden häufig als gewöhnliche Rückenschmerzen abgetan, obwohl dahinter eine ernstzunehmende, chronisch-entzündliche Erkrankung steckt. Wer frühzeitig informiert ist, kann gezielter handeln und die Lebensqualität langfristig erhalten.
Morbus Bechterew, medizinisch als Spondylitis ankylosans (kurz: AS) bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung aus der Gruppe der Rückenschmerzen und der sogenannten Spondyloarthritiden. Sie betrifft in erster Linie die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke – also die Verbindungen zwischen Kreuzbein und Beckenknochen. Im fortgeschrittenen Verlauf kann sie zur Versteifung der Wirbelsäule führen, was den typischen „runden Rücken" erklären kann, den manche Betroffene im späteren Stadium entwickeln.
Die Erkrankung gehört zu den sogenannten autoimmunen Erkrankungen: Das Immunsystem des Körpers richtet sich fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe, in diesem Fall gegen die Gelenke und Bänder der Wirbelsäule. Dieser Entzündungsprozess verläuft in Schüben und kann über viele Jahre hinweg fortschreiten – oft ohne dass die Betroffenen zunächst wissen, womit sie es zu tun haben. Ein häufiges Szenario ist, dass junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren zunächst über morgendliche Rückensteifigkeit klagen, die sich nach Bewegung bessert, und dieses Symptom lange nicht ernst genommen wird.
Dieser Artikel gibt Ihnen einen umfassenden Überblick über Morbus Bechterew: von den Ursachen und Symptomen über die Diagnosewege bis hin zu modernen Behandlungsmöglichkeiten und gezielten Übungen. Das Ziel ist es, Sie gut zu informieren, damit Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin fundierte Entscheidungen treffen können. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose und ist ausschließlich zur Information gedacht.
Ursachen und Risikofaktoren von Morbus Bechterew
Was löst Morbus Bechterew aus?
Die genauen Ursachen von Morbus Bechterew sind bis heute nicht vollständig geklärt. Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, immunologischen Prozessen und möglicherweise auch Umwelteinflüssen zur Entstehung beiträgt. Dabei spielt ein bestimmtes Gewebemerkmal eine herausragende Rolle: das sogenannte HLA-B27-Antigen.
Die Rolle des HLA-B27-Antigens
Das HLA-B27-Antigen ist ein Eiweißmolekül auf der Oberfläche von Körperzellen, das zum sogenannten Humanen Leukozyten-Antigen-System (HLA-System) gehört. Dieses System ist Teil des Immunsystems und spielt eine wichtige Rolle bei der Erkennung körpereigener und körperfremder Strukturen. Bei etwa 85 bis 95 Prozent aller Morbus-Bechterew-Patienten lässt sich HLA-B27 im Blut nachweisen. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung tragen nur etwa 8 bis 10 Prozent der Mitteleuropäer dieses Merkmal. Dennoch entwickelt nur ein kleiner Teil der HLA-B27-positiven Menschen tatsächlich Morbus Bechterew – das Merkmal allein ist also kein Schicksal, sondern erhöht lediglich das Risiko.
Genetische Faktoren und familiäre Häufung
Morbus Bechterew tritt gehäuft in Familien auf, was auf eine erbliche Komponente hinweist. Wer einen Elternteil oder ein Geschwisterkind mit der Erkrankung hat, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken. Schätzungen zufolge liegt das Erkrankungsrisiko für Verwandte ersten Grades bei etwa 5 bis 20 Prozent, wenn HLA-B27 ebenfalls vorhanden ist. Dennoch handelt es sich nicht um eine „einfache" Erbkrankheit mit klarem Vererbungsmuster – die Genetik liefert gewissermaßen den Boden, auf dem die Erkrankung entstehen kann.
Neben HLA-B27 wurden in den letzten Jahren durch genomweite Assoziationsstudien weitere Gene identifiziert, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen können, darunter Gene, die an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt sind (z. B. IL-23R, ERAP1). Diese Forschungen helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.
Immunologische und entzündliche Prozesse
Bei Morbus Bechterew kommt es zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion, bei der bestimmte Immunzellen – vor allem T-Lymphozyten – körpereigenes Gewebe angreifen. Besonders betroffen sind die Enthesen, also die Stellen, an denen Sehnen und Bänder am Knochen befestigt sind. Diese sogenannte Enthesitis ist ein charakteristisches Merkmal der Erkrankung. Durch die anhaltende Entzündung kommt es zunächst zur Gewebeschädigung und im weiteren Verlauf zu Reparaturprozessen, bei denen neues Knochengewebe gebildet wird – was letztendlich zur Verknöcherung und Versteifung führen kann.
Weitere Risikofaktoren im Überblick
Folgende Faktoren können das Risiko für Morbus Bechterew erhöhen oder den Verlauf beeinflussen:
- Genetische Veranlagung: Vorliegen des HLA-B27-Antigens
- Familiäre Vorbelastung: Erkrankte Eltern oder Geschwister erhöhen das Risiko
- Geschlecht: Männer erkranken häufiger und oft schwerer als Frauen, obwohl die Erkrankung bei Frauen seltener diagnostiziert wird
- Alter bei Erkrankungsbeginn: Typischerweise beginnt die Erkrankung zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr
- Infektionen: Bestimmte Darmbakterien (z. B. Klebsiellen) und gastrointestinale Infektionen werden als mögliche Trigger diskutiert
- Darmentzündungen: Morbus Bechterew tritt häufiger gemeinsam mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa auf
- Rauchen: Rauchen gilt als ungünstiger Faktor, der den Verlauf verschlimmern kann
- Stress und psychosoziale Faktoren: Können Schübe begünstigen oder die Wahrnehmung von Schmerzen verstärken
- Bewegungsmangel: Ist zwar keine Ursache, kann den Verlauf jedoch negativ beeinflussen
- Übergewicht: Erhöht die mechanische Belastung der entzündeten Gelenke
Symptome von Morbus Bechterew
Wie äußert sich Morbus Bechterew?
Die Symptome von Morbus Bechterew entwickeln sich in der Regel schleichend und werden anfangs leicht mit anderen Beschwerden verwechselt. Viele Betroffene erleben zunächst unspezifische Rückenschmerzen, die sie nicht beunruhigen. Erst wenn die Beschwerden über Wochen und Monate anhalten und ein charakteristisches Muster zeigen, entsteht der Verdacht auf diese spezifische Erkrankung. Ausführliche Informationen zu den einzelnen Symptomen finden Sie auch in unserem Artikel zu den Morbus Bechterew Symptomen.
Das Leitsymptom: entzündlicher Rückenschmerz
Das typischste und häufigste Symptom ist der sogenannte entzündliche Rückenschmerz. Er unterscheidet sich in wichtigen Punkten vom mechanischen Rückenschmerz, wie er etwa bei einem Bandscheibenvorfall auftritt. Die wichtigsten Merkmale des entzündlichen Rückenschmerzes bei Morbus Bechterew sind:
- Beginn vor dem 40. Lebensjahr
- Schleichender, allmählicher Beginn ohne erkennbares Auslöseereignis
- Besserung durch Bewegung, nicht durch Ruhe
- Keine Besserung oder sogar Verschlechterung durch Liegen und Inaktivität
- Morgendliche Steifigkeit von mehr als 30 Minuten Dauer
- Nächtliche Schmerzen in der zweiten Nachthälfte, die zum Aufwachen zwingen
- Schmerzen im Bereich des Kreuzbeins und der Gesäßmuskulatur (Sakroiliitis)
- Besserung nach kurzer körperlicher Aktivität oder einem heißen Bad
Weitere typische Beschwerden
Neben dem charakteristischen Rückenschmerz können bei Morbus Bechterew zahlreiche weitere Symptome auftreten, die auf den ersten Blick nichts mit der Wirbelsäule zu tun haben:
- Periphere Gelenkbeteiligung: Schmerzen und Schwellungen in Hüfte, Knie, Schulter oder Sprunggelenk
- Enthesitis: Schmerzhafte Entzündungen an Sehnenansätzen, besonders an der Ferse (Achillessehne, Plantarfaszie)
- Daktylitis: Wurstförmige Schwellung ganzer Finger oder Zehen
- Augenentzündung (Uveitis/Iritis): Tritt bei etwa 25 bis 40 Prozent der Betroffenen auf – Schmerzen, Rötung, Lichtempfindlichkeit des Auges
- Fatigue: Ausgeprägte Erschöpfung, die sich nicht durch Schlaf bessert
- Hautsymptome: In seltenen Fällen Psoriasis (Schuppenflechte)
- Darmbeteiligung: Verbindung mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa
- Herzkreislauf-Beteiligung: In seltenen fortgeschrittenen Fällen Entzündungen der Herzklappen oder der Aorta
- Atembeschwerden: Bei weit fortgeschrittener Versteifung des Brustkorbs kann die Atemexkursion eingeschränkt sein
Verlauf in Schüben und Remissionen
Morbus Bechterew verläuft typischerweise in Schüben: Phasen mit stärkerer Krankheitsaktivität wechseln sich mit ruhigeren Phasen (Remissionen) ab. Manche Betroffene haben über Jahre hinweg kaum Beschwerden, andere erleben häufige und belastende Schübe. Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und lässt sich nicht vorhersagen. Mit der richtigen Behandlung und gezielter Physiotherapie kann die Krankheitsaktivität jedoch bei vielen Patienten gut kontrolliert werden.
Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?
Warnsignale, die Sie ernst nehmen sollten
Bei Rückenschmerzen zögern viele Menschen zunächst, einen Arzt aufzusuchen – schließlich kennt fast jeder gelegentliche Rückenbeschwerden. Bei Morbus Bechterew ist eine frühe Diagnose jedoch entscheidend, weil eine frühzeitige Behandlung Entzündungsschäden und damit strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule verhindern oder zumindest verlangsamen kann. Es gibt bestimmte Warnsignale, bei denen eine ärztliche Abklärung dringend empfohlen wird.
Konkrete Hinweise für einen Arztbesuch
Bitte suchen Sie zeitnah einen Arzt auf, wenn Sie folgende Beschwerden bemerken:
- Rückenschmerzen, die länger als drei Monate anhalten, besonders wenn Sie jünger als 45 Jahre sind
- Morgendliche Steifigkeit der Wirbelsäule, die mehr als 30 Minuten anhält
- Schmerzen, die sich durch Ruhe nicht bessern, sondern durch Bewegung lindern
- Nächtliche Rückenschmerzen, die Sie aus dem Schlaf reißen
- Schwellungen oder Schmerzen in Gelenken ohne erkennbare Verletzung
- Plötzliche Augenentzündung (rotes, schmerzendes Auge mit Lichtempfindlichkeit)
- Starke Erschöpfung in Kombination mit Rückenschmerzen
- Bekannte familiäre Vorbelastung für Morbus Bechterew oder andere Spondyloarthritiden
- Schmerzen im Bereich des Kreuzbeins oder der Gesäßregion, die wechseln können (mal links, mal rechts)
Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?
Bei Verdacht auf Morbus Bechterew sollten Sie zunächst Ihren Hausarzt aufsuchen, der eine erste Einschätzung vornehmen und ggf. eine Überweisung ausstellen kann. Die Diagnose und Behandlung von Morbus Bechterew liegt in der Hand von Rheumatologen – das sind auf rheumatische Erkrankungen spezialisierte Internisten. Da Rheumatologen in Deutschland oft lange Wartezeiten haben, empfiehlt es sich, frühzeitig einen Termin zu vereinbaren. In dringenden Fällen kann auch eine rheumatologische Ambulanz an einer Universitätsklinik aufgesucht werden.
Wichtiger Hinweis: Bei plötzlicher starker Augenentzündung (Uveitis) handelt es sich um einen medizinischen Notfall, der sofort augenärztlich abgeklärt werden muss, da unbehandelte Uveitisschübe das Sehvermögen gefährden können.
Diagnose von Morbus Bechterew
Der lange Weg zur richtigen Diagnose
Eine der größten Herausforderungen bei Morbus Bechterew ist die Diagnoseverzögerung. Studien zeigen, dass zwischen dem ersten Auftreten der Symptome und der gesicherten Diagnose im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre vergehen. Das liegt daran, dass die frühen Symptome unspezifisch sind und die charakteristischen Veränderungen an der Wirbelsäule im Röntgenbild erst nach Jahren sichtbar werden. Moderne Diagnoseverfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) können jedoch helfen, die Erkrankung früher zu erkennen.
Klassifikationskriterien: die modifizierten New-York-Kriterien
Für die Diagnose der klassischen Spondylitis ankylosans (röntgenologische axiale Spondyloarthritis) gelten die modifizierten New-York-Kriterien von 1984. Eine gesicherte Diagnose ergibt sich, wenn mindestens ein radiologisches Kriterium und mindestens ein klinisches Kriterium erfüllt sind:
Radiologisches Kriterium:
- Nachweis einer Sakroiliitis im Röntgenbild (beidseitig Grad 2-4 oder einseitig Grad 3-4)
Klinische Kriterien:
- Rückenschmerzen und -steifigkeit seit mehr als drei Monaten, die sich durch Bewegung bessern
- Eingeschränkte Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule in zwei Ebenen
- Eingeschränkte Atemexkursion (Brustkorbbeweglichkeit beim Atmen)
Seit einigen Jahren gibt es auch die Klassifikation der nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis (nr-axSpA), bei der noch keine Röntgenveränderungen vorliegen, jedoch im MRT Entzündungszeichen der Sakroiliakalgelenke sichtbar sind.
Untersuchungsverfahren im Überblick
Die Diagnose von Morbus Bechterew umfasst mehrere Schritte und Verfahren:
- Ausführliche Anamnese: Fragen zu Art, Dauer, Qualität und Verlauf der Schmerzen; familiäre Vorbelastung
- Körperliche Untersuchung: Prüfung der Wirbelsäulenbeweglichkeit (Schober-Test, Ott-Maß, Fingerkuppen-Boden-Abstand), Prüfung der Atemexkursion, Tastuntersuchung der Sakroiliakalgelenke
- Blutuntersuchungen: HLA-B27-Typisierung; Entzündungsmarker CRP (C-reaktives Protein) und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit); Blutbild; Ausschluss anderer Erkrankungen
- Röntgenaufnahmen: Sakroiliakalgelenke und Wirbelsäule; zeigen strukturelle Veränderungen wie Erosionen, Sklerosierung oder Syndesmophyten (knöcherne Überbrückungen der Wirbelkörper)
- MRT (Magnetresonanztomografie): Goldstandard für die Früherkennung; kann aktive Entzündungen (Knochenmarködem) bereits sichtbar machen, bevor Röntgenveränderungen auftreten
- Sonografie (Ultraschall): Kann Enthesitiden und Gelenkergüsse peripher gut darstellen
- Augenärztliche Untersuchung: Bei Verdacht auf Uveitis
Abgrenzung von ähnlichen Erkrankungen
Morbus Bechterew muss von einer Reihe anderer Erkrankungen unterschieden werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Mechanische Rückenschmerzen (z. B. Bandscheibenvorfall)
- Psoriasis-Arthritis mit Wirbelsäulenbeteiligung
- Reaktive Arthritis
- Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa mit Gelenkbeteiligung
- Diffuse idiopathische Skeletthyperostose (DISH)
- Osteoporose mit Wirbelkörperfrakturen
Die Abgrenzung erfolgt durch die Kombination aller Befunde aus Anamnese, körperlicher Untersuchung, Laborwerten und bildgebenden Verfahren.
Behandlung von Morbus Bechterew
Moderne Therapiekonzepte – individuell und evidenzbasiert
Morbus Bechterew ist bis heute nicht heilbar, kann jedoch mit modernen Therapieverfahren sehr gut kontrolliert werden. Das Ziel der Behandlung ist es, Entzündung und Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu erhalten, strukturelle Schäden zu verhindern und die Lebensqualität langfristig zu sichern. Eine ausführliche Übersicht aller Behandlungsmöglichkeiten finden Sie in unserem Artikel zur Morbus Bechterew Behandlung. Allgemeine Informationen zu Behandlungsansätzen bei Gelenkerkrankungen finden Sie auch auf unserer Seite zu Behandlung.
Medikamentöse Therapie: Stufen und Optionen
Die medikamentöse Behandlung folgt einem Stufenschema:
Stufe 1 – Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Medikamente wie Ibuprofen, Naproxen oder Diclofenac sind die erste Wahl bei aktiver Erkrankung. Sie wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd. Bei Morbus Bechterew werden NSAR häufig dauerhaft eingesetzt, da Studien Hinweise darauf geben, dass eine kontinuierliche Einnahme die Knochenneubildung verlangsamen kann. Die Anwendung muss jedoch ärztlich überwacht werden, da Nebenwirkungen (Magenprobleme, Nierenfunktion, Herzkreislauf) auftreten können.
Stufe 2 – Biologika (bDMARDs): Bei unzureichendem Ansprechen auf NSAR kommen Biologika zum Einsatz – das sind biotechnologisch hergestellte Antikörper, die gezielt in das Entzündungsgeschehen eingreifen. Folgende Klassen werden bei Morbus Bechterew eingesetzt:
- TNF-alpha-Blocker: Adalimumab, Etanercept, Infliximab, Certolizumab, Golimumab – hemmen den Tumornekrosefaktor alpha, einen zentralen Entzündungsbotenstoff
- IL-17A-Hemmer: Secukinumab, Ixekizumab – hemmen den Entzündungsbotenstoff Interleukin-17
- IL-23-Hemmer: Derzeit noch in der Zulassungsprüfung für axiale Spondyloarthritis
Stufe 3 – JAK-Inhibitoren (tsDMARDs): Neuere Wirkstoffe wie Tofacitinib oder Upadacitinib hemmen bestimmte Enzyme (Januskinasen) im Inneren der Zellen und können als Alternative zu Biologika eingesetzt werden.
Begleittherapien und nicht-medikamentöse Maßnahmen
Medikamente allein sind bei Morbus Bechterew nicht ausreichend. Folgende Maßnahmen sind fester Bestandteil moderner Behandlungskonzepte:
- Physiotherapie und Krankengymnastik: Regelmäßige physiotherapeutische Übungen sind unverzichtbar, um die Beweglichkeit zu erhalten
- Ergotherapie: Hilft bei der Anpassung von Alltagsaktivitäten und dem Einsatz von Hilfsmitteln
- Hydrotherapie und Balneotherapie: Wärme und Wasser können die Muskulatur entspannen und Schmerzen lindern
- Physikalische Therapie: Wärme- und Kälteanwendungen, TENS-Therapie
- Rauchentwöhnung: Dringend empfohlen, da Rauchen den Krankheitsverlauf verschlechtert
- Patientenschulungen: Informieren über die Erkrankung und helfen beim Selbstmanagement
- Psychologische Unterstützung: Bei chronischen Schmerzen kann eine psychologische Begleitung hilfreich sein
- Sporttherapie: Regelmäßige sportliche Aktivität (Schwimmen, Radfahren, Yoga) wird ausdrücklich empfohlen
- Operative Maßnahmen: In seltenen Fällen (z. B. fortgeschrittene Hüftgelenksdestruktion) kann ein Gelenkersatz notwendig werden
Ergänzende Informationen zu verwandten Themen
Falls bei Ihnen neben den Rückenbeschwerden auch Gelenkschmerzen an anderen Stellen auftreten, könnte unser Artikel zu Morbus Basedow und Gelenkschmerzen zusätzlich interessant sein, da auch andere entzündliche Erkrankungen Gelenkbeschwerden verursachen können.
Übungen bei Morbus Bechterew
Bewegung als Therapie – warum Übungen so wichtig sind
Bei Morbus Bechterew ist regelmäßige Bewegung nicht nur empfehlenswert – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Therapie. Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen, bei denen Schonung sinnvoll ist, gilt hier das Gegenteil: Wer sich nicht bewegt, riskiert eine zunehmende Versteifung der Wirbelsäule. Gezielte Übungen helfen dabei, die Beweglichkeit zu erhalten, die Rumpfmuskulatur zu kräftigen, Schmerzen zu lindern und die Atemfunktion zu erhalten. Wichtig ist dabei, die Übungen regelmäßig und korrekt durchzuführen – idealerweise unter Anleitung eines erfahrenen Physiotherapeuten. Weitere Übungsempfehlungen für verschiedene Gelenkerkrankungen finden Sie auch auf unserer Übungsseite.
Prinzipien des Übungsprogramms
Ein wirksames Übungsprogramm bei Morbus Bechterew sollte folgende Prinzipien berücksichtigen:
- Täglichkeit: Übungen sollten idealerweise täglich oder mindestens fünfmal pro Woche durchgeführt werden
- Schmerzfreiheit: Übungen sollten ohne starke Schmerzen durchführbar sein; leichter Zug oder Druck ist normal
- Ganzheitlichkeit: Das Programm sollte Dehn-, Kräftigungs- und Atemübungen kombinieren
- Anpassung an den Krankheitsverlauf: In aktiven Schubphasen sanftere Übungen, in ruhigen Phasen intensivere
- Morgenroutine: Da Steifigkeit morgens am stärksten ist, sind Übungen nach dem Aufwachen besonders sinnvoll
Empfohlene Übungstypen mit Beispielen
1. Dehnübungen für die Wirbelsäule:
- Katzenbuckel und Hohlkreuz: Auf allen Vieren wechseln zwischen Rundrücken (Katzenbuckel) und Hohlkreuz – fördert die Flexibilität der gesamten Wirbelsäule (10–15 Wiederholungen)
- Seitneigung im Stehen: Aufrecht stehen, eine Hand am Oberschenkel entlanggleiten lassen, zur Seite neigen – dehnt die seitliche Rumpfmuskulatur (je Seite 5–10 Sekunden halten)
- Brustöffner: Im Sitzen oder Stehen die Arme nach hinten führen, Schulterblätter zusammenziehen – öffnet den Brustkorb und wirkt der Vorbeugung entgegen
2. Atemübungen – oft unterschätzt, aber wichtig:
- Tiefe Bauchatmung: Bewusst tief in den Bauch einatmen, Brustkorb weiten – verbessert die Atemexkursion
- Flankenatmung: Hände seitlich auf die Rippen legen, beim Einatmen bewusst die Rippen nach außen drücken
- Lippenbremse: Langsam durch gespitzte Lippen ausatmen – verlängert die Ausatmungsphase und entlastet die Atemmuskulatur
3. Kräftigungsübungen für Rücken und Rumpf:
- Brücke: Auf dem Rücken liegen, Knie anwinkeln, Gesäß anheben und halten – kräftigt Gesäß- und Rückenmuskulatur
- Vogel-Hund: Auf allen Vieren abwechselnd einen Arm und das gegenüberliegende Bein strecken – verbessert Koordination und Rumpfstabilität
- Planke: Unterarmstütz, Körper gerade halten – stärkt die gesamte Rumpfmuskulatur
4. Empfohlene Sportarten:
- Schwimmen (besonders Rückenschwimmen) – schont die Gelenke und stärkt die Rückenmuskulatur
- Radfahren auf dem Ergometer oder in der Natur
- Yoga oder Tai-Chi – verbessern Flexibilität und Körperbewusstsein
- Nordic Walking – verbessert Ausdauer und Haltung
- Wassergymnastik
Hinweise für die Übungspraxis
Viele Betroffene erleben, dass es anfangs schwer fällt, trotz Schmerzen aktiv zu bleiben. Hier ist wichtig zu wissen: Leichte Beschwerden während oder kurz nach den Übungen sind normal. Halten die Schmerzen jedoch mehr als zwei Stunden nach dem Training an oder werden sie stärker, sollten die Übungen angepasst werden. Sprechen Sie Ihr Übungsprogramm stets mit Ihrem Rheumatologen und Physiotherapeuten ab, um es optimal auf Ihren aktuellen Gesundheitszustand abzustimmen.
Zusammenfassung: Das Wichtigste zu Morbus Bechterew
Gut informiert – besser handeln
Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinflussen kann – aber nicht muss. Mit der richtigen Diagnose, einer angepassten medikamentösen Therapie und konsequenter Bewegungstherapie lässt sich die Krankheitsaktivität bei vielen Patienten erfolgreich kontrollieren. Die Lebensqualität kann auch langfristig auf einem hohen Niveau gehalten werden.
Die wichtigsten Punkte im Überblick
- Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden
- Sie betrifft vor allem die Wirbelsäule und Iliosakralgelenke und kann im Verlauf zur Versteifung führen
- Das HLA-B27-Antigen ist ein wichtiger, aber nicht allein entscheidender Risikofaktor
- Typisch sind entzündliche Rückenschmerzen mit Besserung durch Bewegung, morgendliche Steifigkeit und nächtliche Schmerzen
- Die Diagnoseverzögerung beträgt durchschnittlich sieben bis zehn Jahre – frühzeitige Abklärung ist entscheidend
- Wichtige diagnostische Mittel sind körperliche Untersuchung, Bluttest (HLA-B27, CRP), Röntgen und MRT
- Behandelt wird mit NSAR als Basistherapie, bei Bedarf mit Biologika (TNF-Blocker, IL-17-Hemmer) oder JAK-Inhibitoren
- Regelmäßige Bewegung und gezielte physiotherapeutische Übungen sind unverzichtbar
- Begleiterkrankungen wie Uveitis, Psoriasis oder Darmerkrankungen müssen mitbehandelt werden
- Rauchentwöhnung, gesunde Ernährung und Stressmanagement unterstützen die Therapie
Ihr nächster Schritt
Wenn Sie sich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen oder bereits eine Diagnose erhalten haben, empfehlen wir Ihnen, gemeinsam mit Ihrem Rheumatologen einen individuellen Therapieplan zu entwickeln. Informieren Sie sich weiter auf unserer Seite zu Rückenschmerzen und nutzen Sie die verlinkten Artikel, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Denken Sie stets daran: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.
Medizinischer Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt oder Orthopäden. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte immer einen Facharzt.
📚Wissenschaftliche Quellen
Die folgenden externen Quellen dienen als Grundlage für die in diesem Artikel präsentierten Informationen:
- 📋LeitlinieS3-Leitlinie: Axiale Spondyloarthritis (AWMF)https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/060-003.html
- 📋LeitlinieDeutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh): Spondylitis ankylosanshttps://dgrh.de/Start/Publikationen/Empfehlungen/Spondylitis-ankylosans.html
- 📊Studievan der Linden S et al.: Evaluation of diagnostic criteria for ankylosing spondylitis. Arthritis Rheum. 1984https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6231933/
- 📊StudieSieper J, Poddubnyy D: Axial spondyloarthritis. Lancet 2017https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28110981/
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