Morbus Bechterew: Ankylosierende Spondylitis verstehen
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Einleitung: Eine Erkrankung, die das Leben von Grund auf verändern kann
Wenn Rückenschmerzen mehr als nur Verspannungen sind
Morbus Bechterew betrifft in Deutschland schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Menschen – und viele davon wissen jahrelang nicht, dass sie an dieser ernsthaften Erkrankung leiden. Der Grund dafür ist simpel: Die Beschwerden beginnen oft schleichend, werden als „normaler" Rückenschmerz abgetan und erst nach durchschnittlich fünf bis zehn Jahren korrekt diagnostiziert. Dabei macht die Erkrankung häufig genau in jener Lebensphase auf sich aufmerksam, in der Betroffene mitten im Berufsleben stehen, Sport treiben und eine Familie gründen – zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
Das Tückische an Morbus Bechterew, medizinisch auch als Ankylosierende Spondylitis (kurz: AS) bezeichnet, ist seine schleichende Natur. Ein häufiges Szenario ist, dass junge Erwachsene über Monate oder sogar Jahre hinweg mit chronischen Kreuzschmerzen kämpfen, die sich vor allem morgens bemerkbar machen und sich nach Bewegung bessern – ein Muster, das für entzündliche Rückenschmerzen typisch ist und sich klar von rein mechanischen Beschwerden unterscheidet. Dennoch werden diese Warnsignale oft übersehen.
Dieser Artikel gibt Ihnen einen umfassenden Überblick über Morbus Bechterew: Was genau im Körper passiert, wie die Erkrankung erkannt wird, welche modernen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und wie Betroffene aktiv dazu beitragen können, die Lebensqualität langfristig zu erhalten. Bitte beachten Sie: Die hier bereitgestellten Informationen ersetzen keine ärztliche Untersuchung. Wenn Sie sich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen, ist ein Besuch beim Arzt – idealerweise einem Rheumatologen – dringend empfohlen.
Viele Betroffene erleben eine deutliche Erleichterung, wenn sie endlich eine klare Diagnose erhalten und verstehen, was in ihrem Körper vorgeht. Wissen ist der erste Schritt zu einer gezielten und wirkungsvollen Therapie. Für allgemeine Hintergrundinformationen zu rheumatischen Erkrankungen empfehlen wir zunächst unseren Rheuma-Ratgeber.
Was ist Morbus Bechterew? Definition und Einordnung
Ankylosierende Spondylitis – mehr als nur Rückenschmerzen
Morbus Bechterew (lat. Spondylitis ankylosans, auch: Ankylosierende Spondylitis) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die in erster Linie die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke – also die Gelenke zwischen Kreuzbein und Beckenschaufeln – betrifft. Sie gehört zur Gruppe der Spondyloarthritiden, einem Oberbegriff für entzündlich-rheumatische Erkrankungen mit bevorzugtem Befall der Wirbelsäule und der sogenannten Enthesen (Sehnenansatzpunkte am Knochen). Diese Krankheitsgruppe ist von klassischen rheumatoiden Erkrankungen wie der Rheumatoiden Arthritis abzugrenzen, obwohl es Überschneidungen in Symptomen und Behandlungsansätzen gibt. Mehr dazu finden Sie im Artikel über Rheuma.
Die namensgebende Geschichte
Benannt wurde die Erkrankung nach dem russischen Neurologen Wladimir von Bechterew (1857–1927), der sie Ende des 19. Jahrhunderts systematisch beschrieb. Bereits Jahrtausende früher fanden sich in archäologischen Funden Hinweise auf verknöcherte Wirbelsäulen – die Erkrankung begleitet die Menschheit also seit langer Zeit. Heute wird der Name „Morbus Bechterew" in der Alltagssprache weiterhin verwendet, während in der Fachmedizin zunehmend der Begriff „Ankylosierende Spondylitis" oder das übergeordnete Konzept der axialen Spondyloarthritis (axSpA) bevorzugt wird. Letzteres schließt auch Frühformen der Erkrankung ein, bei denen noch keine sichtbaren Veränderungen in der Bildgebung vorliegen (nicht-radiographische axiale Spondyloarthritis, kurz: nr-axSpA).
Was passiert im Körper?
Bei Morbus Bechterew greift das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe an. Die Entzündungen treten zunächst bevorzugt an den Iliosakralgelenken auf und können sich im Verlauf auf die gesamte Wirbelsäule ausbreiten. Ein charakteristisches Merkmal der Erkrankung ist der Knochenneubildungsprozess: Im Gegensatz zu vielen anderen entzündlichen Erkrankungen, bei denen Gelenke zerstört werden, kommt es bei Morbus Bechterew langfristig zur Verknöcherung – Bänder, Sehnen und Gelenkkapseln werden in Knochen umgewandelt. Im Extremfall können benachbarte Wirbelkörper miteinander verschmelzen, was zur charakteristischen „Bambusstab-Wirbelsäule" führt, die im Röntgenbild sichtbar wird.
Häufigkeit und betroffene Personengruppen
Die Erkrankung betrifft Männer etwa zwei- bis dreimal häufiger als Frauen, wobei Frauen häufiger mildere oder atypische Verläufe zeigen, was die Diagnose bei ihnen erschwert. Der Erkrankungsbeginn liegt typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr; ein Auftreten nach dem 45. Lebensjahr ist selten. Schätzungen zufolge trägt etwa 0,5 bis 0,9 Prozent der europäischen Bevölkerung diese Diagnose, wobei von einer relevanten Dunkelziffer ausgegangen wird. Morbus Bechterew ist damit eine der häufigeren entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und keineswegs eine Rarität.
Ursachen und Risikofaktoren: Warum entsteht Morbus Bechterew?
Die Rolle des Gens HLA-B27
Die Ursache von Morbus Bechterew ist noch nicht vollständig geklärt, jedoch gilt die genetische Veranlagung als der bedeutendste Risikofaktor. Im Mittelpunkt steht das Gewebemerkmal HLA-B27 (Human Leukocyte Antigen B27), ein bestimmtes Protein auf der Oberfläche von Körperzellen. Etwa 85 bis 95 Prozent aller Menschen mit Morbus Bechterew tragen dieses Gen – in der Gesamtbevölkerung ist es bei nur etwa 8 bis 10 Prozent der Mitteleuropäer vorhanden. Dennoch ist der Befund HLA-B27 allein kein Beweis für die Erkrankung: Nur etwa 1 bis 5 Prozent der HLA-B27-positiven Personen entwickeln tatsächlich eine Ankylosierende Spondylitis. Das Gen ist also ein wichtiger Risikofaktor, aber kein Schicksal.
Weitere genetische und immunologische Faktoren
Neben HLA-B27 wurden in Forschungsstudien weitere genetische Varianten identifiziert, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen. Dazu zählen Gene, die an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt sind, insbesondere im Zusammenhang mit dem Interleukin-17- und Interleukin-23-Signalweg – zwei wichtige Botenstoffe des Immunsystems. Das Vorliegen mehrerer dieser genetischen Varianten kann das Risiko weiter erhöhen. Familiäre Häufungen sind gut dokumentiert: Verwandte ersten Grades eines Betroffenen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken.
Umweltfaktoren und mögliche Auslöser
Genetische Veranlagung allein erklärt nicht, warum die Erkrankung ausbricht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bestimmte Umweltfaktoren als Trigger wirken können. Diskutiert werden unter anderem:
- Infektionen des Magen-Darm-Trakts oder der Harnwege: Insbesondere Bakterien wie Klebsiella pneumoniae werden als mögliche Auslöser untersucht, da sie strukturelle Ähnlichkeiten mit HLA-B27 aufweisen (sogenannte molekulare Mimikry).
- Veränderungen des Darmmikrobioms: Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bechterew-Patienten subklinische (beschwerdefreie) Darmentzündungen aufweist; die genaue Wechselwirkung wird intensiv erforscht.
- Mechanischer Stress: Anhaltende Belastungen der Wirbelsäule und der Gelenke könnten in genetisch prädisponierten Personen Entzündungsreaktionen begünstigen.
- Hormonelle Einflüsse: Die häufigere und schwerere Ausprägung bei Männern legt hormonelle Modulatoren nahe, deren genaue Rolle aber noch nicht vollständig verstanden ist.
- Rauchen: Rauchen ist als negativer prognostischer Faktor identifiziert worden – Raucher haben häufiger schwerere Verläufe und sprechen schlechter auf bestimmte Therapien an.
Was die meisten Patienten nicht wissen: Die Bedeutung des Darms
Ein oft unterschätzter Zusammenhang besteht zwischen Morbus Bechterew und entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Etwa 5 bis 10 Prozent der Bechterew-Patienten entwickeln im Laufe ihres Lebens eine klinisch manifeste chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Umgekehrt zeigen bis zu 50 Prozent mikroskopische Darmentzündungen, die ohne Symptome verlaufen. Diese Verbindung ist nicht zufällig, sondern spiegelt gemeinsame immunologische Mechanismen wider und hat direkte Konsequenzen für die Therapiewahl.
Symptome: Wie macht sich Morbus Bechterew bemerkbar?
Das Leitsymptom: Entzündlicher Rückenschmerz
Das charakteristischste Symptom von Morbus Bechterew ist der entzündliche Rückenschmerz (inflammatory back pain). Dieser unterscheidet sich in mehreren wesentlichen Punkten von den weitaus häufigeren mechanischen Rückenschmerzen und kann als wichtiges Erkennungsmerkmal dienen. Entzündlicher Rückenschmerz bei Morbus Bechterew zeigt typischerweise folgende Eigenschaften:
- Beginn schleichend, häufig vor dem 45. Lebensjahr
- Dauer länger als drei Monate ohne eindeutige Ursache
- Morgendliche Steifigkeit für mehr als 30 Minuten, oft deutlich länger
- Verbesserung durch Bewegung, nicht durch Ruhe – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal
- Verschlechterung bei Inaktivität und im Liegen, typischerweise in der zweiten Nachthälfte
- Häufig wechselseitige Gesäßschmerzen, die auf die Iliosakralgelenke hinweisen
- Mäßige bis gute Reaktion auf nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR)
Weitere Gelenkbeschwerden
Neben der Wirbelsäule können auch periphere Gelenke betroffen sein, was bei etwa einem Drittel der Patienten der Fall ist. Besonders häufig entzünden sich die großen Gelenke der unteren Extremitäten – Hüfte, Knie und Sprunggelenke – aber auch die Schultergelenke. Schmerzen und Schwellungen an Sehnenansatzpunkten, die sogenannte Enthesitis, sind ein weiteres typisches Merkmal. Häufig betroffen ist die Achillessehne, die Plantarfaszie (Fußsohle) oder der Bereich unterhalb der Kniescheibe. Diese Beschwerden können als Erstsymptome auftreten und zu langen diagnostischen Umwegen führen. Ausführlichere Informationen zu Gelenkschmerzen finden Sie in unserem separaten Ratgeber.
Extraartikuläre Manifestationen: Der ganze Körper ist betroffen
Morbus Bechterew ist keine reine Wirbelsäulenerkrankung – zahlreiche andere Organe können ebenfalls betroffen sein:
- Augen (Uveitis anterior): Die häufigste extraartikuläre Manifestation betrifft etwa 25 bis 40 Prozent der Betroffenen. Es handelt sich um eine akute Entzündung der Regenbogenhaut (Iris), die sich durch plötzliche Augenschmerzen, Lichtempfindlichkeit und verschwommenes Sehen äußert und sofortige augenärztliche Behandlung erfordert.
- Herz-Kreislauf-System: In selteneren Fällen kann die Aortenwurzel entzündet sein, was zu Herzklappenproblemen führen kann. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Bechterew-Patienten insgesamt erhöht.
- Lunge: Fortgeschrittene Erkrankung kann die Atembeweglichkeit des Brustkorbs einschränken; in seltenen Fällen entstehen Vernarbungen im oberen Lungenbereich.
- Haut (Psoriasis): Eine Schuppenflechte tritt bei etwa 10 Prozent der Patienten auf und signalisiert eine Überschneidung mit der Psoriasis-Arthritis.
- Darm: Wie bereits erwähnt, subklinische und klinische entzündliche Darmveränderungen.
- Osteoporose: Chronische Entzündung und eingeschränkte Beweglichkeit können langfristig zu Knochendichteverlust führen.
- Fatigue: Chronische Erschöpfung ist ein häufig unterschätztes Symptom, das die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.
Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?
Sprechen Sie zeitnah mit einem Arzt, wenn Sie jünger als 45 Jahre sind und seit mehr als drei Monaten unter Rückenschmerzen leiden, die sich morgens durch Steifigkeit auszeichnen und sich bei Bewegung bessern. Besonders dringend ist ein Arztbesuch, wenn zusätzlich Augenentzündungen auftreten, wenn Familienmitglieder an Morbus Bechterew oder ähnlichen Erkrankungen leiden, oder wenn HLA-B27-Positivität bekannt ist. Ein Rheumatologe ist der richtige Ansprechpartner für die weiterführende Abklärung. Lesen Sie auch unseren Artikel zu Rheuma-Symptomen für eine umfassendere Übersicht.
Diagnose: Wie wird Morbus Bechterew festgestellt?
Der beschwerliche Weg zur richtigen Diagnose
Die Diagnose von Morbus Bechterew ist eine der größten Herausforderungen in der Rheumatologie. Studien zeigen, dass zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und der korrekten Diagnose im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre vergehen können. Dies liegt an mehreren Faktoren: Die Erkrankung beginnt schleichend, ihre Symptome überschneiden sich mit häufigen, harmlosen Rückenschmerzen, und strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule sind im Röntgenbild oft erst nach Jahren sichtbar. Eine frühzeitige Diagnose ist jedoch entscheidend, um Entzündungsschäden zu minimieren und die Beweglichkeit langfristig zu erhalten.
Klassifikationskriterien als diagnostische Grundlage
In der klinischen Praxis werden für die Ankylosierende Spondylitis die modifizierten New York Kriterien (1984) verwendet, die eine Kombination aus klinischen und radiologischen Befunden voraussetzen. Für die übergeordnete Kategorie der axialen Spondyloarthritis haben sich die ASAS-Klassifikationskriterien (Assessment of SpondyloArthritis international Society, 2009) etabliert, die auch Frühformen ohne radiologischen Nachweis erfassen. Beide Klassifikationssysteme berücksichtigen:
- Chronischer Rückenschmerz (länger als 3 Monate, Beginn vor dem 45. Lebensjahr)
- Bildgebende Zeichen einer Sakroiliitis (Entzündung der Iliosakralgelenke)
- HLA-B27-Positivität
- Klinische Merkmale wie Uveitis, Enthesitis, Psoriasis, Darmerkrankungen oder familiäre Belastung
Untersuchungsschritte im Detail
Der diagnostische Prozess umfasst typischerweise mehrere Stufen:
1. Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Rheumatologe erfragt detailliert die Schmerzcharakteristik, Morgensteifigkeit, familiäre Vorbelastung und Begleitsymptome. Klinische Tests wie der Schober-Test (Messung der Lendenwirbelsäulen-Beweglichkeit), der Ott-Test (Messung der Brustwirbelsäulen-Beweglichkeit) und Kompressionsmanöver der Iliosakralgelenke liefern wichtige Hinweise.
2. Labordiagnostik: Es gibt keinen spezifischen Bluttest für Morbus Bechterew. Folgende Parameter werden üblicherweise bestimmt:
- HLA-B27 (genetisches Merkmal)
- CRP (C-reaktives Protein) und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) als allgemeine Entzündungsmarker
- Blutbild, Nierenparameter, Leberwerte (als Ausgangswerte vor Therapiebeginn)
- Rheumafaktor und Anti-CCP-Antikörper zum Ausschluss einer Rheumatoiden Arthritis (typischerweise negativ bei AS)
3. Bildgebung: Das MRT der Iliosakralgelenke ist die sensitivste Methode zur Früherkennung, da es aktive Entzündungszeichen (Knochenmarködem) sichtbar machen kann, lange bevor strukturelle Schäden entstehen. Das konventionelle Röntgenbild zeigt erst in fortgeschritteneren Stadien typische Veränderungen wie Sakroiliitis oder Syndesmophyten (knöcherne Überbrückungen zwischen Wirbelkörpern). Eine weiterführende Übersicht zu diagnostischen Verfahren finden Sie in unserem Diagnose-Ratgeber.
Was die meisten Patienten nicht wissen: MRT als Schlüssel zur Frühdiagnose
Die Einführung des MRT in die Diagnostik hat die Rheumatologie revolutioniert. Früher musste oft gewartet werden, bis strukturelle Schäden im Röntgenbild sichtbar wurden – ein Prozess, der Jahre dauern kann. Heute ermöglicht das MRT, aktive Entzündungen in den Iliosakralgelenken und der Wirbelsäule zu erkennen, bevor bleibende Schäden entstehen. Dies erlaubt einen deutlich früheren Therapiebeginn und verbessert die Langzeitprognose erheblich. Wichtig: Nicht alle MRT-Befunde sind eindeutig; die Interpretation erfordert Erfahrung und sollte durch einen in der Rheumatologie erfahrenen Arzt erfolgen.
Behandlung: Moderne Therapiemöglichkeiten im Überblick
Ziele der Therapie: Entzündung bremsen, Beweglichkeit erhalten
Die Behandlung von Morbus Bechterew verfolgt mehrere gleichrangige Ziele: die Kontrolle der Entzündungsaktivität, die Schmerzreduktion, die Erhaltung und Verbesserung der Beweglichkeit sowie die Vermeidung struktureller Schäden wie Verknöcherungen und Wirbelsäulenversteifung. Da es sich um eine chronische Erkrankung handelt, ist die Therapie in der Regel eine Langzeitstrategie, die regelmäßig angepasst werden muss. Unseren allgemeinen Behandlungs-Ratgeber für rheumatische Erkrankungen empfehlen wir ergänzend zu lesen.
Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) als erste Therapiestufe
NSAR wie Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen oder Indometacin sind die medikamentöse Erstlinientherapie bei Morbus Bechterew. Sie wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd und zeigen bei dieser Erkrankung eine besonders gute Wirksamkeit – besser als bei vielen anderen Rückenschmerzursachen. Die regelmäßige Einnahme (nicht nur bei Bedarf) kann laut einigen Studien möglicherweise auch den Fortschritt struktureller Schäden verlangsamen, obwohl dieser Effekt noch nicht abschließend bewiesen ist. Wichtige Nebenwirkungen – insbesondere Magenprobleme, Nierenbelastung und Herz-Kreislauf-Risiken – müssen bei der Langzeitanwendung beachtet werden.
Lokale Therapiemaßnahmen
Bei entzündeten peripheren Gelenken oder Enthesitiden können lokale Kortikosteroid-Injektionen (Kortison-Spritzen) gezielt eingesetzt werden. Systemische Kortikosteroide (Kortison-Tabletten) sind bei axialer Erkrankung weniger wirksam und werden in der Langzeittherapie nicht empfohlen. Physiotherapeutische Maßnahmen und Krankengymnastik sind integraler Bestandteil jeder Therapie und werden im separaten Abschnitt zu Sport und Bewegung ausführlich besprochen.
Konventionelle Basistherapeutika (DMARDs)
Bei überwiegend axialer (Wirbelsäulen-)Beteiligung haben klassische Disease-Modifying Antirheumatic Drugs (DMARDs) wie Methotrexat oder Sulfasalazin keine nachgewiesene Wirksamkeit auf die Wirbelsäulensymptomatik. Sulfasalazin kann jedoch bei begleitender peripherer Gelenkbeteiligung oder entzündlichen Darmerkrankungen sinnvoll sein.
Schmerztherapie und begleitende Maßnahmen
Neben der spezifischen antirheumatischen Therapie spielen allgemeine Schmerzmanagement-Strategien eine wichtige Rolle. Dazu gehören:
- Wärme- und Kälteanwendungen zur symptomatischen Linderung
- Ergotherapie zur Anpassung des Alltags und Arbeitsplatzes
- Psychologische Unterstützung bei chronischen Schmerzen und damit verbundenen Belastungen
- Patientenschulungen, die im Rahmen von Selbsthilfegruppen (z. B. der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V.) angeboten werden
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Rheumatologen zur Anpassung der Therapie
Wann zum Arzt – und wann dringend?
Eine akute Augenentzündung (Uveitis anterior) erfordert sofortige augenärztliche Behandlung, da es ohne Therapie zu bleibenden Sehschäden kommen kann. Ebenso sollte ein plötzlicher Anstieg der Rückenschmerzen, ein Sturz bei bekannter Wirbelsäulenversteifung (erhöhtes Frakturrisiko!) oder das Auftreten neuer neurologischer Symptome (Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen) umgehend medizinisch abgeklärt werden.
Biologika und neue Therapieansätze bei Morbus Bechterew
Die Revolution der Biologika-Therapie
Die Einführung der sogenannten Biologika hat die Behandlung von Morbus Bechterew seit Ende der 1990er Jahre grundlegend verändert. Biologika sind biotechnologisch hergestellte Eiweißmoleküle, die gezielt in entzündliche Signalwege des Immunsystems eingreifen. Sie kommen zum Einsatz, wenn NSAR trotz ausreichend langer Anwendung (mindestens zwei bis vier Wochen mit zwei verschiedenen NSAR-Präparaten) keine ausreichende Wirkung zeigen oder nicht vertragen werden.
TNF-Alpha-Inhibitoren: Die erste Biologika-Generation
Die erste und am längsten etablierte Gruppe sind die TNF-Alpha-Inhibitoren (Tumornekrosefaktor-Alpha-Inhibitoren). Sie blockieren den Entzündungsbotenstoff TNF-Alpha, der bei Morbus Bechterew in erhöhter Konzentration vorliegt. Zugelassene Wirkstoffe in dieser Gruppe umfassen:
- Adalimumab (Humira® und Biosimilars)
- Etanercept (Enbrel® und Biosimilars)
- Infliximab (Remicade® und Biosimilars)
- Golimumab (Simponi®)
- Certolizumab pegol (Cimzia®)
Studien zeigen, dass TNF-Inhibitoren bei etwa 50 bis 70 Prozent der Patienten eine deutliche Reduktion der Krankheitsaktivität bewirken. Viele Betroffene erleben eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität, Schmerzreduktion und Rückkehr zu normalen Alltagsaktivitäten.
IL-17A-Inhibitoren: Eine wichtige Alternative
Mit Secukinumab (Cosentyx®) und Ixekizumab (Taltz®) stehen seit Mitte der 2010er Jahre Biologika zur Verfügung, die den Interleukin-17A-Signalweg blockieren. Diese Substanzen sind besonders bei Patienten sinnvoll, die auf TNF-Inhibitoren nicht ausreichend ansprechen, die gleichzeitig an Psoriasis leiden, oder bei denen eine begleitende entzündliche Darmerkrankung keine Rolle spielt (da IL-17-Inhibitoren bei Morbus Crohn kontraindiziert sein können).
IL-23-Inhibitoren und JAK-Inhibitoren: Neueste Entwicklungen
Die jüngste Generation der Therapieoptionen umfasst:
- IL-23-Inhibitoren (z. B. Risankizumab, Guselkumab): Zeigen vielversprechende Ergebnisse besonders bei Patienten mit begleitender Psoriasis oder entzündlichen Darmerkrankungen; für die rein axiale AS ist die Datenlage noch im Aufbau.
- JAK-Inhibitoren (Januskinase-Inhibitoren): Oral einnehmbare Wirkstoffe wie Tofacitinib und Upadacitinib (Rinvoq®) greifen in intrazelluläre Signalwege ein und bieten eine weitere Option für Patienten, die auf Biologika nicht ansprechen. Sie sind als Tabletten verfügbar, was für viele Patienten komfortabler ist als Injektionen oder Infusionen.
Wichtige Aspekte der Biologika-Therapie
Vor Beginn einer Biologika-Therapie sind bestimmte Voruntersuchungen obligatorisch, darunter der Ausschluss einer Tuberkulose (da TNF-Inhibitoren latente Tuberkulose reaktivieren können), eines Hepatitis B-Infekts und bestimmter anderer Infektionskrankheiten. Impfungen sollten vor Therapiebeginn aufgefrischt werden. Die Therapie erfordert regelmäßige Kontrolluntersuchungen und wird in engem Kontakt mit dem betreuenden Rheumatologen durchgeführt. Biosimilars – wirkstoffgleiche Nachfolgeprodukte nach Patentablauf der Originalpräparate – haben die Behandlungskosten in den letzten Jahren erheblich gesenkt und die Zugänglichkeit verbessert.
Sport und Bewegung: Der unverzichtbare Bestandteil der Therapie
Bewegung als Medizin – kein optionales Extra
Bei keiner anderen rheumatischen Erkrankung ist regelmäßige körperliche Aktivität so wichtig und so wirksam wie bei Morbus Bechterew. Regelmäßige Bewegung ist keine Ergänzung zur Therapie – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil davon. Die entzündlichen Prozesse führen zur Versteifung von Gelenken und Bändern; nur durch gezieltes Training kann dieser Prozess verlangsamt und die Beweglichkeit langfristig erhalten werden. Internationale Leitlinien (ASAS/EULAR) empfehlen Physiotherapie ausdrücklich für alle Patienten, unabhängig vom Krankheitsstadium.
Empfohlene Sportarten
Nicht jede Sportart ist gleichermaßen geeignet. Besonders empfehlenswert sind Aktivitäten, die:
- Die Wirbelsäulenbeweglichkeit fördern: Schwimmen (besonders Rückenschwimmen), Yoga, Tai-Chi, Pilates
- Die Rumpfmuskulatur kräftigen: Gerätegestütztes Krafttraining unter physiotherapeutischer Anleitung, Pilates
- Gelenke schonen: Radfahren (Heimtrainer oder Outdoor), Aquajogging, Walking, Nordic Walking
- Die Ausdauer verbessern: Moderate Ausdauersportarten wie zügiges Gehen oder Schwimmen
Weniger empfehlenswert sind Kontaktsportarten (erhöhtes Verletzungsrisiko bei versteifter Wirbelsäule), intensive Sprungsportarten sowie Sportarten mit stark asymmetrischen Belastungsmustern.
Physiotherapie: Strukturiertes Training unter Anleitung
Eine regelmäßige Physiotherapie, idealerweise bei einem auf Rheumatologie spezialisierten Therapeuten, ist der Grundpfeiler des Bewegungsprogramms. Bewährte Elemente sind:
- Krankengymnastik nach Bechterew: Speziell entwickelte Übungssequenzen zur Mobilisierung der Wirbelsäule und Kräftigung der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur
- Atemgymnastik: Da die Brustkorbausdehnung durch die Erkrankung eingeschränkt werden kann, sind Atemübungen besonders wichtig
- Haltungsschulung: Aufbau einer aufrechten, achsengerechten Körperhaltung
- Gruppengymnastik: Viele Rheumatologen und Physiotherapeuten bieten Gruppenangebote an; auch die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e. V. (DVMB) organisiert lokale Sportgruppen in ganz Deutschland
- Hydrotherapie: Bewegungstherapie im warmen Wasser ist besonders gelenkschonend und schmerzlindernd
Praktische Tipps für den Alltag
Neben strukturiertem Sport spielt die Alltagsbewegung eine wichtige Rolle:
- Schlafposition: Eine Matratze mittlerer Festigkeit und das Schlafen ohne Kissen (oder mit sehr flachem Kissen) kann helfen, einer Versteifung in Beugeposition entgegenzuwirken
- Arbeitsplatzgestaltung: Ergonomische Möbel, regelmäßige Positionswechsel und kurze Bewegungspausen alle 30 bis 45 Minuten sind wichtig
- Wärme vor dem Training: Vor dem Sport lockernd warm duschen oder warme Anwendungen nutzen, um die Steifigkeit zu reduzieren
- Regelmäßigkeit vor Intensität: Täglich 20 bis 30 Minuten moderate Bewegung ist effektiver als seltene, intensive Einheiten
- Rauchstopp: Rauchen verschlechtert den Krankheitsverlauf und sollte dringend aufgegeben werden
- Eigenverantwortung und Motivation: Das Führen eines Aktivitätstagebuchs und die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe können die Motivation langfristig stärken
Was bei akuten Schüben zu beachten ist
In akuten Entzündungsschüben sollte die Belastungsintensität reduziert werden – ein vollständiger Bewegungsverzicht ist jedoch auch dann nicht empfehlenswert. Leichte Mobilisierungsübungen, Atemgymnastik und Wassergymnastik sind auch in aktiven Phasen in der Regel gut verträglich. Bei Unsicherheit sollte stets Rücksprache mit dem betreuenden Rheumatologen oder Physiotherapeuten gehalten werden.
Zusammenfassung: Das Wichtigste zu Morbus Bechterew auf einen Blick
Morbus Bechterew im Überblick
Morbus Bechterew (Ankylosierende Spondylitis) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule und der Iliosakralgelenke, die zum Formenkreis der Spondyloarthritiden gehört. Sie betrifft in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen, beginnt typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr und tritt bei Männern häufiger und oft schwerer auf als bei Frauen. Das charakteristische Leitsymptom ist entzündlicher Rückenschmerz mit Morgensteifigkeit, der sich durch Bewegung bessert – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu gewöhnlichen Rückenschmerzen.
Kernpunkte der Erkrankung
Die wichtigsten Fakten und Handlungsempfehlungen zusammengefasst:
- Ursache: Multifaktoriell – genetische Veranlagung (HLA-B27 bei 85-95 % der Betroffenen) in Kombination mit Umweltfaktoren; genaue Auslöser noch nicht vollständig geklärt
- Symptome: Entzündlicher Rückenschmerz, Morgensteifigkeit, Sakroiliitis, mögliche Beteiligung peripherer Gelenke, Enthesitis sowie extraartikuläre Manifestationen (Uveitis, Psoriasis, Darmbeteiligung)
- Diagnose: Kombination aus klinischer Untersuchung, Laborparametern (HLA-B27, Entzündungsmarker) und Bildgebung (MRT ist der Goldstandard für die Frühdiagnose); durchschnittliche Diagnoselatenz von mehreren Jahren
- Behandlung: Stufentherapie – NSAR als Erstlinientherapie, Biologika (TNF-Inhibitoren, IL-17-Inhibitoren) bei unzureichendem Ansprechen, JAK-Inhibitoren als neueste Option; Physiotherapie als unverzichtbarer Bestandteil
- Bewegung: Regelmäßige, gezielte körperliche Aktivität ist essenziell für den Erhalt der Beweglichkeit und die Lebensqualität
- Prognose: Mit moderner Therapie und konsequenter Physiotherapie kann die Mehrheit der Patienten eine gute Lebensqualität erhalten; eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich
Lebensqualität trotz chronischer Erkrankung
Morbus Bechterew ist eine lebenslange Erkrankung, die eine aktive Mitarbeit der Betroffenen erfordert. Viele Patienten erleben, dass sie mit der richtigen Therapie, regelmäßiger Bewegung und einem guten Selbstmanagement ein weitgehend normales Leben führen können – beruflich, sportlich und sozial. Die modernen Biologika haben die Prognose in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich verbessert.
Wichtig: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Wenn Sie Symptome erkennen, die zu einer axialen Spondyloarthritis passen könnten, suchen Sie bitte einen Rheumatologen auf. Je früher die Diagnose gestellt und die Therapie begonnen wird, desto besser sind die Chancen, strukturelle Schäden zu begrenzen und die Beweglichkeit zu erhalten. Für weiterführende Informationen besuchen Sie unseren Rheuma-Ratgeber oder lesen Sie mehr über Rheuma-Symptome.
Medizinischer Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt oder Orthopäden. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte immer einen Facharzt.
📚Wissenschaftliche Quellen
Die folgenden externen Quellen dienen als Grundlage für die in diesem Artikel präsentierten Informationen:
- 📋LeitlinieS3-Leitlinie: Axiale Spondyloarthritis inklusive Morbus Bechterew – Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-003
- 📋LeitlinieASAS/EULAR Recommendations for the Management of Ankylosing Spondylitis – Annals of the Rheumatic Diseaseshttps://ard.bmj.com/content/70/6/896
- 📊StudieAnkylosing Spondylitis: Epidemiology, Pathogenesis, and Diagnosis – PubMed/NCBIhttps://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27563071/
- Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e.V. (DVMB) – Patienteninformationenhttps://www.bechterew.de/
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