Gicht: Ursachen, Symptome und wirksame Behandlung

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Gicht: Eine der ältesten bekannten Gelenkerkrankungen

Eine Krankheit, die Millionen Menschen betrifft

Gicht gilt als eine der ältesten dokumentierten Erkrankungen der Menschheit – bereits in der Antike beschrieben Hippokrates und später römische Ärzte die typischen Beschwerden: plötzlich einsetzende, unerträgliche Schmerzen in einem Gelenk, häufig am großen Zeh, begleitet von starker Schwellung und Rötung. Was damals als „Krankheit der Könige" galt, weil sie mit üppiger Ernährung und Alkoholkonsum assoziiert wurde, ist heute eine weitverbreitete Erkrankung in der modernen Gesellschaft. In Deutschland sind schätzungsweise 950.000 bis über eine Million Menschen von Gicht betroffen – und die Tendenz ist steigend.

Die Erkrankung betrifft Männer deutlich häufiger als Frauen, insbesondere im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Bei Frauen tritt Gicht meist erst nach der Menopause auf, da Östrogen die Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren fördert und damit schützend wirkt. Insgesamt zeigen epidemiologische Studien, dass die Häufigkeit von Gicht in den letzten Jahrzehnten weltweit zugenommen hat – ein Trend, der eng mit dem steigenden Konsum von Fleisch, Alkohol, zuckerhaltigen Getränken und der wachsenden Zahl von Menschen mit Übergewicht, Bluthochdruck und Nierenerkrankungen zusammenhängt.

Wer einen Gichtanfall erlebt hat, vergisst ihn selten. Die Schmerzen werden von Betroffenen häufig als die intensivsten beschrieben, die sie je erlebt haben. Selbst das Gewicht eines Bettlakens auf dem betroffenen Gelenk kann unerträglich sein. Dabei ist Gicht nicht nur ein akutes Problem: Unbehandelt kann die Erkrankung chronisch werden, Gelenke dauerhaft schädigen und wichtige innere Organe – insbesondere die Nieren – belasten. Eine frühe Diagnose und konsequente Behandlung sind daher entscheidend.

Dieser Artikel erklärt ausführlich, was Gicht ist, wie sie entsteht, welche Symptome auftreten, wie die Diagnose gestellt wird und welche Behandlungsmöglichkeiten – von der Ernährungsumstellung bis zur medikamentösen Therapie – zur Verfügung stehen. Alle Informationen basieren auf aktuellen medizinischen Leitlinien und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bei konkreten Beschwerden oder Unsicherheiten sollte stets ein Arzt aufgesucht werden.

Was ist Gicht? Definition und Einordnung

Gicht als Stoffwechselerkrankung mit Gelenkbeteiligung

Gicht – medizinisch als Arthritis urica oder Gichta bezeichnet – ist eine entzündliche Gelenkerkrankung, die durch eine Störung des Harnsäurestoffwechsels verursacht wird. Im Kern handelt es sich dabei um eine Kristallarthropathie: Wenn die Harnsäurekonzentration im Blut dauerhaft zu hoch ist (medizinisch: Hyperurikämie), können sich Harnsäurekristalle – sogenannte Mononatriumurat-Kristalle – in Gelenken, Gelenkflüssigkeit, Sehnenscheiden, Schleimbeuteln und im Nierengewebe ablagern. Diese nadelförmigen Kristalle lösen dann heftige Entzündungsreaktionen aus.

Gicht gehört zur Gruppe der rheumatischen Erkrankungen, wird aber von der klassischen Rheumatoiden Arthritis klar unterschieden. Während rheumatoide Arthritis eine Autoimmunerkrankung ist, bei der das eigene Immunsystem Gelenkstrukturen angreift, ist Gicht eine Stoffwechselerkrankung mit entzündlicher Komponente. Dennoch teilen beide Erkrankungen wichtige Merkmale: Gelenkschmerzen, Entzündung und – bei chronischem Verlauf – mögliche Gelenkzerstörung.

Was Gicht von anderen Gelenkerkrankungen unterscheidet

Ein wesentliches Merkmal der Gicht ist ihre episodische Natur: Anders als bei vielen anderen Gelenkschmerzen treten Gichtanfälle zunächst anfallsartig auf, klingen nach einigen Tagen wieder vollständig ab und hinterlassen zunächst keine Dauerbeschwerden. Zwischen den Anfällen kann der Patient völlig beschwerdefrei sein. Dieses charakteristische Muster – akuter Anfall, beschwerdefreies Intervall, erneuter Anfall – ist typisch für die frühe Gicht.

Medizinisch unterscheidet man mehrere Stadien der Erkrankung:

  • Asymptomatische Hyperurikämie: erhöhte Harnsäurewerte im Blut ohne Beschwerden
  • Akuter Gichtanfall (Arthritis urica acuta): plötzlich einsetzende, intensive Gelenkentzündung
  • Interkrittische Phase: beschwerdefreie Zeit zwischen zwei Anfällen
  • Chronische Gicht (Arthritis urica chronica tophosa): dauerhafte Gelenkbeschwerden, Bildung von Gichtknoten (Tophi), mögliche Organschäden

Die chronische Verlaufsform kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen, darunter Gelenkzerstörung, Niereninsuffizienz und Nierensteine. Schätzungen zufolge entwickeln etwa 20 Prozent der Patienten mit chronisch erhöhten Harnsäurewerten und unbehandelter Gicht im Laufe der Jahre Nierensteine aus Harnsäure.

Harnsäure im Körper: Was steckt dahinter?

Der Ursprung der Harnsäure

Harnsäure ist ein natürliches Abbauprodukt des menschlichen Stoffwechsels. Sie entsteht beim Abbau von Purinen – stickstoffhaltigen Verbindungen, die sowohl im menschlichen Körper selbst produziert werden als auch über die Nahrung aufgenommen werden. Purine sind Bausteine der DNA und RNA und kommen in praktisch allen Körperzellen vor. Wenn Zellen absterben oder erneuert werden, werden ihre Purine zu Harnsäure abgebaut.

Beim Menschen ist Harnsäure das Endprodukt des Purinstoffwechsels – im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren, die über das Enzym Uricase verfügen, welches Harnsäure weiter zu Allantoin abbaut. Da der Mensch dieses Enzym nicht besitzt, reichert sich Harnsäure im Blut an. Normalerweise scheidet die Niere Harnsäure mit dem Urin aus und hält so den Blutspiegel in einem gesunden Bereich.

Normalwerte und kritische Schwellenwerte

Die Harnsäurekonzentration im Blut wird in Milligramm pro Deziliter (mg/dl) oder Mikromol pro Liter (µmol/l) gemessen. Als Richtwerte gelten:

  • Männer: bis 7,0 mg/dl (416 µmol/l) als obere Normgrenze
  • Frauen (vor der Menopause): bis 6,0 mg/dl (357 µmol/l)
  • Frauen (nach der Menopause): ähnlich wie Männer
  • Therapieziel bei Gichtpatienten: unter 6,0 mg/dl, bei schwerer Gicht unter 5,0 mg/dl

Bei Werten über 6,8 mg/dl gilt das Blut als mit Harnsäure übersättigt – ab diesem Schwellenwert beginnen Mononatriumurat-Kristalle auszufallen. Besonders in kühlen, schlecht durchbluteten Bereichen des Körpers – wie den peripheren Gelenken (großer Zeh, Sprunggelenk, Kniegelenk) – lagern sich diese Kristalle bevorzugt ab.

Was passiert im Gelenk?

Sobald sich Harnsäurekristalle in einem Gelenk ablagern, können sie dort über lange Zeit unbemerkt existieren. Der eigentliche Gichtanfall entsteht, wenn Kristalle aus einem Depot freigesetzt werden und in die Gelenkflüssigkeit (Synovia) gelangen. Das Immunsystem – insbesondere bestimmte weiße Blutkörperchen (Neutrophile Granulozyten und Makrophagen) – erkennt die Kristalle als Fremdkörper und versucht, sie zu beseitigen. Dabei werden entzündungsfördernde Botenstoffe wie Interleukin-1β (IL-1β) freigesetzt, was zu einer massiven lokalen Entzündungsreaktion führt: das Gelenk schwillt an, wird heiß, rot und extrem schmerzhaft.

Dieser Mechanismus erklärt auch, warum Gichtanfälle manchmal durch bestimmte Auslöser – wie einen operativen Eingriff, eine Infektionskrankheit oder einen plötzlichen Diät- oder Alkoholexzess – ausgelöst werden: Dabei schwankt der Harnsäurespiegel schnell, was zur Kristallfreisetzung führen kann.

Ursachen und Risikofaktoren der Gicht

Primäre und sekundäre Hyperurikämie

Die zugrundeliegende Ursache der Gicht ist eine dauerhaft erhöhte Harnsäurekonzentration im Blut (Hyperurikämie). Man unterscheidet dabei zwei Hauptformen:

Primäre Hyperurikämie: Hierbei liegt eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung vor, bei der entweder zu viel Harnsäure produziert wird oder die Niere zu wenig davon ausscheidet. In etwa 90 Prozent der Fälle ist eine verminderte renale Ausscheidung die Hauptursache. Diese Form hat eine starke familiäre Häufung – wer Verwandte ersten Grades mit Gicht hat, trägt ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Sekundäre Hyperurikämie: Diese entsteht als Folge einer anderen Grunderkrankung oder als Nebenwirkung bestimmter Medikamente. Beispiele sind:

  • Nierenerkrankungen: verringerte Harnsäureausscheidung
  • Bluterkrankungen (z.B. Polycythaemia vera, Leukämien): erhöhter Zellabbau mit vermehrter Purinfreisetzung
  • Psoriasis: erhöhter Zellumsatz
  • Diuretika (besonders Thiazide und Schleifendiuretika): hemmen die renale Harnsäureausscheidung
  • Cyclosporin (Immunsuppressivum): beeinträchtigt die Nierenfunktion
  • Niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (Aspirin): kann Harnsäureausscheidung verringern

Wichtige Risikofaktoren im Überblick

Mehrere Faktoren können das Risiko für Gicht erheblich erhöhen. Eine Kombination mehrerer Faktoren multipliziert das Risiko:

  • Männliches Geschlecht: Männer erkranken 3-4 mal häufiger als Frauen
  • Höheres Lebensalter: Mit zunehmendem Alter steigt die Harnsäurekonzentration
  • Übergewicht und Adipositas: Erhöhte Harnsäureproduktion, verminderte renale Ausscheidung
  • Ernährung: Hoher Konsum von rotem Fleisch, Innereien, Meeresfrüchten und purinreichen Lebensmitteln
  • Alkohol: Insbesondere Bier und Spirituosen erhöhen den Harnsäurespiegel stark; Bier enthält zusätzlich selbst Purine (Guanosin)
  • Zuckerhaltige Getränke: Fructose aus Softdrinks und Fruchtsäften fördert die Harnsäuresynthese
  • Bluthochdruck (arterielle Hypertonie): Häufig gemeinsam mit Gicht auftretend
  • Diabetes mellitus Typ 2: Teil des metabolischen Syndroms
  • Niereninsuffizienz: Verminderte Ausscheidungskapazität
  • Bestimmte Medikamente: Diuretika, Ciclosporin, niedrig dosierte ASS
  • Familiengeschichte: Genetische Veranlagung erhöht das Risiko deutlich
  • Dehydratation: Zu wenig Flüssigkeitszufuhr konzentriert den Urin und begünstigt Kristallbildung

Gicht als Teil des metabolischen Syndroms

Viele Gichtpatienten leiden gleichzeitig an weiteren Erkrankungen des Stoffwechsels – ein Zusammenhang, der in der Wissenschaft gut belegt ist. Das sogenannte metabolische Syndrom – eine Kombination aus Übergewicht (besonders Bauchfett), Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und gestörtem Blutzuckerstoffwechsel – geht häufig mit erhöhten Harnsäurewerten einher. Studien zeigen, dass bis zu 75 Prozent der Gichtpatienten mindestens eine weitere metabolische Begleiterkrankung aufweisen. Dies unterstreicht die Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung und Behandlung.

Symptome der Gicht: Was Betroffene erleben

Das typische Beschwerdebild

Gicht macht sich in erster Linie durch akute Gelenkschmerzen bemerkbar – doch das klinische Bild ist vielschichtiger, als viele vermuten. Die Symptome hängen stark vom Stadium der Erkrankung ab. In der frühen Phase sind es klassische anfallsartige Schmerzereignisse; im chronischen Stadium können dauerhaftere Veränderungen auftreten.

Das am häufigsten betroffene Gelenk ist das Grundgelenk der großen Zehe – medizinisch als Podagra bezeichnet. Schätzungen zufolge beginnen etwa 50-70 Prozent aller Gichtanfälle an diesem Gelenk. Weitere häufig betroffene Gelenke sind:

  • Sprunggelenk (Gonagra)
  • Kniegelenk (Gonagra)
  • Handgelenk
  • Finger- und Zehengelenke
  • Ellenbogen
  • Schulter (seltener)
  • Hüfte (selten)
  • Wirbelsäule (sehr selten)

Die Gicht befällt in der Regel zunächst ein einzelnes Gelenk (Monarthritis), besonders in den unteren Extremitäten. Im späteren Verlauf können mehrere Gelenke gleichzeitig betroffen sein (Polyarthritis).

Lokale und systemische Symptome

Die lokalen Symptome eines Gichtanfalls sind charakteristisch und für erfahrene Ärzte oft auf den ersten Blick erkennbar:

  • Starke Schmerzen: oft als brennend, stechend oder pochend beschrieben
  • Schwellung: das Gelenk ist deutlich angeschwollen
  • Rötung: die Haut über dem Gelenk ist gerötet
  • Überwärmung: das betroffene Gelenk fühlt sich deutlich wärmer an als die Umgebung
  • Berührungsempfindlichkeit: selbst leichteste Berührung – etwa durch ein Laken – ist unerträglich schmerzhaft
  • Bewegungseinschränkung: das Gelenk kann kaum oder gar nicht bewegt werden

Zusätzlich zu den lokalen Gelenkbeschwerden können systemische Symptome auftreten, besonders bei schweren Anfällen:

  • Leichtes Fieber (bis 38,5°C)
  • Allgemeines Krankheitsgefühl
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Selten: Schüttelfrost

Chronische Gicht und Tophi: Was viele nicht wissen

Bei langjährig unbehandelter oder schlecht kontrollierter Gicht können sich Tophi bilden – feste, weißlich-gelbliche Knoten, die aus abgelagertem Harnsäurekristall-Material bestehen. Sie entstehen vor allem an:

  • Ohrmuscheln
  • Ellenbogen (Olekranon)
  • Achillessehne
  • Fingern und Zehen
  • Außenknöchel

Tophi können die umliegenden Strukturen schädigen, zu Gelenkzerstörung führen und in seltenen Fällen die Haut durchbrechen. Chronische Gicht geht häufig mit einer dauerhaften Einschränkung der Lebensqualität und Beweglichkeit einher. Die rheumatischen Symptome können dann denen anderer entzündlicher Gelenkerkrankungen ähneln.

Der akute Gichtanfall: Ablauf und Auslöser

Wie ein Gichtanfall entsteht und verläuft

Ein akuter Gichtanfall ist für die meisten Betroffenen ein eindrückliches Erlebnis. Er beginnt typischerweise plötzlich – häufig mitten in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden – mit intensiven Schmerzen in einem Gelenk, die sich innerhalb von Stunden auf ihren Höhepunkt steigern. Viele Betroffene berichten, dass sie durch den Schmerz aus dem Schlaf gerissen wurden und das Gelenk nicht mehr belasten konnten.

Dieser nächtliche Beginn ist kein Zufall: Im Schlaf sinkt die Körpertemperatur, Harnsäurekristalle fallen leichter aus, und der Harnsäurespiegel im Blut ist gegen Morgen tendenziell höher. Zusätzlich besteht durch verringerte Flüssigkeitsaufnahme nachts eine leichte Dehydratation, was die Harnsäurekonzentration im Gewebe erhöht.

Typischer zeitlicher Verlauf eines Anfalls

Ein unbehandelter Gichtanfall verläuft in der Regel in drei Phasen:

  1. Beginn (0-24 Stunden): Plötzlich einsetzende, rasch zunehmende Schmerzen; das Gelenk wird schnell rot, warm und geschwollen.
  2. Höhepunkt (1-3 Tage): Maximale Entzündung; Berührungsempfindlichkeit auf dem Höhepunkt; Bewegung kaum möglich; mögliches Begleitfieber.
  3. Abklingen (3-10 Tage): Die Entzündung klingt spontan ab; die Haut über dem Gelenk kann sich schuppend abpellen; vollständige Beschwerdefreiheit tritt nach etwa einer bis zwei Wochen ein.

Mit geeigneter Behandlung kann der Anfall deutlich verkürzt werden. Ohne Behandlung heilt er zwar ebenfalls ab – aber das nächste Ereignis ist meist nur eine Frage der Zeit.

Häufige Auslöser eines Gichtanfalls

Viele Betroffene erleben, dass bestimmte Ereignisse oder Verhaltensweisen einen Anfall auslösen können. Ein häufiges Szenario ist etwa das üppige Abendessen mit Fleisch und Bier bei einer Feier – gefolgt von einem Gichtanfall am nächsten Morgen. Bekannte Auslöser sind:

  • Alkoholkonsum: insbesondere Bier und Spirituosen
  • Purinreiche Mahlzeiten: Innereien, rotes Fleisch, Meeresfrüchte
  • Dehydratation: zu wenig Trinken
  • Fastenkuren oder drastische Diäten: rascher Zellabbau setzt Purine frei
  • Chirurgische Eingriffe oder Traumata: Stress für den Organismus
  • Akute Erkrankungen oder Infektionen
  • Beginn oder Dosisänderung harnsäuresenkender Medikamente: Paradoxerweise kann der Start einer Therapie mit Allopurinol zunächst Anfälle auslösen
  • Langstreckenreisen mit langer Immobilität
  • Diuretika-Einnahme

Wann sofort zum Arzt?

Bei einem erstmaligen Gichtanfall – oder wenn Unsicherheit über die Ursache der Gelenksymptome besteht – sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden. Besonders wichtig ist die ärztliche Abklärung, wenn:

  • das betroffene Gelenk stark geschwollen, hochrot und extrem schmerzhaft ist (Ausschluss einer septischen Arthritis)
  • hohes Fieber (über 38,5°C) besteht
  • der Anfall länger als zehn Tage anhält
  • mehrere Gelenke gleichzeitig betroffen sind
  • sich Knoten (Tophi) unter der Haut bilden

Diagnose der Gicht: So wird sie festgestellt

Klinische Untersuchung als erster Schritt

Die Diagnose einer Gicht erfolgt durch eine Kombination aus klinischer Untersuchung, Labortests und bildgebenden Verfahren. In vielen Fällen ist das klinische Bild – plötzlicher Beginn, typisch betroffenes Gelenk (besonders Podagra), starke Entzündungszeichen – bereits sehr charakteristisch und erlaubt eine vorläufige Diagnose. Dennoch ist eine sorgfältige diagnostische Abklärung wichtig, da andere Erkrankungen (septische Arthritis, Pseudogicht, rheumatoide Arthritis) ähnliche Symptome verursachen können.

Bei der körperlichen Untersuchung achtet der Arzt auf:

  • Lokalisation und Aussehen der betroffenen Gelenke
  • Vorhandensein von Tophi
  • Zeichen einer Nierenerkrankung
  • Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Übergewicht

Labordiagnostik: Was im Blut und Urin gemessen wird

Das wichtigste Laborparameter ist der Harnsäurewert im Blut (Serum-Urat). Allerdings gilt zu beachten: Während eines akuten Anfalls kann der Harnsäurewert durch eine vorübergehende vermehrte Ausscheidung paradoxerweise im Normbereich liegen. Deshalb sollte der Wert idealerweise außerhalb eines Anfalls gemessen werden.

Weitere relevante Laborparameter sind:

  • CRP (C-reaktives Protein) und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit): Entzündungsmarker, die beim Gichtanfall deutlich erhöht sind
  • Blutbild: Erhöhte weiße Blutkörperchen (Leukozytose) beim akuten Anfall
  • Nierenwerte (Kreatinin, GFR): zur Beurteilung der Nierenfunktion
  • Blutfette und Blutzucker: Begleiterkrankungen erfassen
  • Harnsäureausscheidung im 24-Stunden-Urin: zur Unterscheidung von Über- und Unterausscheidung

Gelenkpunktion und bildgebende Verfahren

Der Goldstandard der Gichtdiagnose ist der Nachweis von Mononatriumurat-Kristallen in der Gelenkflüssigkeit (Synovialflüssigkeit). Bei einer Gelenkpunktion (Arthrozentese) wird mit einer feinen Nadel etwas Gelenkflüssigkeit entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Die nadelförmigen, negativ doppelbrechenden Kristalle sind unter dem Polarisationsmikroskop eindeutig erkennbar.

Zur bildgebenden Diagnostik stehen folgende Verfahren zur Verfügung:

  • Röntgen: Zeigt in frühen Stadien oft keinen Befund; typische Veränderungen (Erosionen, „ausgestanzte" Defekte) erst bei chronischer Gicht sichtbar
  • Ultraschall (Sonographie): Kann Harnsäurekristallablagerungen als sogenanntes Doppelkontur-Zeichen auf Gelenkknorpel sichtbar machen; preiswert und schnell verfügbar
  • Dual-Energy-CT (DECT): Hochsensitive Methode zum Nachweis von Harnsäurekristallen auch in tiefen Strukturen; besonders hilfreich bei unklaren Fällen
  • MRT (Magnetresonanztomographie): Zur Beurteilung von Weichteil- und Knochenschäden bei chronischer Gicht

Behandlung der Gicht: Von der Soforthilfe bis zur Langzeittherapie

Zwei Therapieziele: Anfall beenden und Rückfälle verhindern

Die Behandlung der Gicht verfolgt zwei grundsätzlich verschiedene Ziele, die auch mit unterschiedlichen Medikamenten angegangen werden: erstens die rasche Linderung des akuten Gichtanfalls und zweitens die langfristige Senkung des Harnsäurespiegels, um weitere Anfälle, Tophi und Organschäden zu verhindern. Beide Ziele sind gleich wichtig – ein häufiger Fehler ist es, nur den akuten Anfall zu behandeln und die Langzeittherapie zu vernachlässigen.

Eine detaillierte Übersicht der verfügbaren Behandlungsoptionen zeigt, dass Gicht heute bei konsequenter Therapie gut kontrollierbar ist.

Behandlung des akuten Gichtanfalls

Beim akuten Gichtanfall steht die schnelle Schmerzlinderung und Entzündungshemmung im Vordergrund. Je früher mit der Behandlung begonnen wird, desto kürzer und milder verläuft der Anfall. Folgende Medikamente werden eingesetzt:

1. Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) Mittel der ersten Wahl beim akuten Gichtanfall sind NSAR wie Indometacin, Naproxen oder Diclofenac. Sie hemmen Entzündungsenzyme (COX-1 und COX-2) und wirken sowohl schmerz- als auch entzündungshemmend. Sie sollten so früh wie möglich in ausreichend hoher Dosierung eingenommen werden. Cave: NSAR sind bei Niereninsuffizienz, Magengeschwüren und Herzinsuffizienz nur eingeschränkt oder gar nicht anwendbar.

2. Colchicin Colchicin ist ein pflanzlicher Wirkstoff (aus der Herbstzeilose), der die Einwanderung von Entzündungszellen in das Gelenk hemmt. Es ist besonders wirksam, wenn es innerhalb der ersten 12-24 Stunden nach Anfallsbeginn eingenommen wird. Nebenwirkungen (vor allem Durchfall, Übelkeit) sind dosisabhängig; bei niedrig dosierter Anwendung gut verträglich.

3. Kortikosteroide Kortison (z.B. Prednisolon) ist die Alternative, wenn NSAR und Colchicin kontraindiziert sind – etwa bei schwerer Niereninsuffizienz. Kortison kann oral eingenommen oder direkt in das betroffene Gelenk injiziert werden (intraartikuläre Injektion).

4. IL-1-Inhibitoren Bei Patienten, bei denen alle anderen Therapiemöglichkeiten nicht angewendet werden können, steht mit Canakinumab ein Biologikum zur Verfügung, das gezielt den Entzündungsbotenstoff Interleukin-1β blockiert. Diese Option bleibt besonderen Einzelfällen vorbehalten.

Langzeittherapie: Harnsäure dauerhaft senken

Wenn Patienten mehr als zwei Gichtanfälle pro Jahr erleiden, Tophi entwickeln, Nierensteine haben oder Gelenkschäden drohen, ist eine dauerhafte harnsäuresenkende Therapie indiziert. Das Therapieziel ist ein Serum-Urat-Wert unter 6,0 mg/dl (bei schwerer Gicht unter 5,0 mg/dl).

Allopurinol: Das am häufigsten eingesetzte Medikament hemmt das Enzym Xanthinoxidase, das für die Harnsäureproduktion zuständig ist. Es wird niedrig dosiert begonnen und langsam gesteigert, um paradoxe Anfälle zu vermeiden. Gut verträglich; selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen (besonders bei bestimmten genetischen Varianten, etwa bei Patienten asiatischer Herkunft).

Febuxostat: Ebenfalls ein Xanthinoxidase-Hemmer, jedoch mit anderer chemischer Struktur. Alternative bei Allopurinol-Unverträglichkeit. Auch bei milder bis mittelschwerer Niereninsuffizienz anwendbar.

Urikosurika (z.B. Benzbromaron, Probenecid): Erhöhen die renale Harnsäureausscheidung; bei Nierenstein-Neigung oder eingeschränkter Nierenfunktion nicht geeignet.

Rasburicase/Pegloticase: Enzymatische Harnsäureabbau-Präparate, reserviert für schwere, therapierefraktäre Fälle.

Wichtig: Harnsäuresenkende Medikamente sollten während eines akuten Anfalls nicht neu begonnen werden, da Harnsäureschwankungen weitere Anfälle auslösen können. Der Beginn der Langzeittherapie sollte erst nach Abklingen des akuten Anfalls erfolgen, begleitet von einer Prophylaxe mit Colchicin oder NSAR in den ersten Monaten.

Ernährung bei Gicht: Was hilft, was schadet

Ernährung als wichtige Säule der Gichttherapie

Die Ernährung spielt bei der Gicht eine bedeutsame, aber oft überschätzte Rolle. Allein durch Ernährungsumstellung kann der Harnsäurespiegel in der Regel nur um etwa 1-2 mg/dl gesenkt werden – das reicht bei vielen Patienten nicht aus, um das Therapieziel zu erreichen. Dennoch ist eine angepasste Ernährung ein wichtiger Bestandteil der Gesamttherapie, da sie Anfälle mitauslösen kann und gleichzeitig Begleiterkrankungen (Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes) positiv beeinflusst.

Grundsätzlich gilt: Purinreiche Lebensmittel sollten reduziert, nicht komplett gestrichen werden. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung ist besser als extreme Verbote, die auf Dauer schwer einzuhalten sind.

Lebensmittel, die den Harnsäurespiegel erhöhen

Folgende Lebensmittel und Getränke sind bei Gicht problematisch und sollten deutlich reduziert werden:

  • Innereien (Leber, Niere, Herz, Hirn): extrem purinreich, möglichst meiden
  • Rotes Fleisch (Rind, Schwein, Lamm): erhöhter Konsum korreliert mit höheren Harnsäurewerten
  • Meeresfrüchte und fettreiche Seefische (Sardinen, Hering, Makrele, Garnelen): reich an Purinen
  • Bier: doppelt belastend – enthält selbst Purine (Guanosin) und hemmt die Harnsäureausscheidung
  • Spirituosen und Wein: ebenfalls harnsäureerhöhend, wenn auch etwas weniger als Bier
  • Zuckerhaltige Getränke und Fruchtsäfte: Fructose fördert die Harnsäuresynthese; Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen hohem Fruchtzuckerkonsum und erhöhten Harnsäurewerten
  • Fruchtzucker in großen Mengen (Softdrinks, industrielle Süßigkeiten)

Lebensmittel, die neutral oder günstig sind

  • Milch und Milchprodukte (fettarm): haben eine harnsäuresenkende Wirkung; regelmäßiger Konsum ist bei Gicht empfehlenswert
  • Kaffee: Mehrere Studien deuten auf eine leicht harnsäuresenkende Wirkung hin; moderate Mengen (2-4 Tassen täglich) sind unbedenklich
  • Kirschen und Kirschsaft: In Beobachtungsstudien mit einer Reduktion von Gichtanfällen assoziiert; der Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt
  • Gemüse (auch purinreicheres wie Spinat, Erbsen, Hülsenfrüchte): Pflanzliche Purine erhöhen das Gichtrisiko laut aktuellen Studien nicht oder kaum
  • Vollkornprodukte und Ballaststoffe: günstig für Stoffwechsel und Gewichtsregulation
  • Wasser: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 2-2,5 Liter täglich) unterstützt die renale Harnsäureausscheidung

Praktische Ernährungstipps für den Alltag

  • Täglich mindestens 2 Liter Wasser oder ungesüßte Kräutertees trinken
  • Alkohol stark reduzieren, Bier möglichst meiden
  • Rotes Fleisch und Innereien auf 1-2 Portionen pro Woche begrenzen
  • Zuckerhaltige Getränke durch Wasser oder ungesüßte Tees ersetzen
  • Fettarme Milchprodukte regelmäßig in den Speiseplan integrieren
  • Bei Übergewicht: Gewichtsreduktion anstreben (langsam und kontinuierlich, keine Crash-Diäten)
  • Ernährungstagebuch führen, um persönliche Auslöser zu identifizieren
  • Eine Ernährungsberatung durch qualifizierte Fachkräfte kann individuelle Unterstützung bieten

Zusammenfassung: Das Wichtigste zu Gicht auf einen Blick

Gicht ist behandelbar – konsequenz zahlt sich aus

Gicht ist eine häufige, gut verstandene und bei konsequenter Behandlung sehr gut kontrollierbare Erkrankung. Sie entsteht durch erhöhte Harnsäurewerte im Blut, die zur Ablagerung von Kristallen in Gelenken und anderen Geweben führen. Diese Kristalle lösen heftige Entzündungsreaktionen aus – den typischen Gichtanfall. Unbehandelt kann Gicht chronisch werden und zu dauerhaften Gelenkschäden sowie Nierenerkrankungen führen.

Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

  • Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung: Grundursache ist ein dauerhaft erhöhter Harnsäurespiegel (Hyperurikämie)
  • Der Gichtanfall tritt typischerweise nachts auf, beginnt plötzlich und erreicht binnen Stunden seinen Höhepunkt
  • Podagra – Gicht am Grundgelenk der großen Zehe – ist das klassische Erscheinungsbild
  • Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen; das Risiko steigt mit dem Alter
  • Alkohol, Fleisch, Meeresfrüchte und Fructose sind die wichtigsten ernährungsbedingten Auslöser
  • Viele Begleiterkrankungen (Bluthochdruck, Diabetes, Niereninsuffizienz) treten gemeinsam mit Gicht auf
  • Akuter Anfall: Behandlung mit NSAR, Colchicin oder Kortison – so früh wie möglich beginnen
  • Langzeittherapie: Allopurinol oder Febuxostat senken den Harnsäurespiegel dauerhaft
  • Ernährungsumstellung unterstützt die Therapie, ersetzt aber in den meisten Fällen keine Medikamente
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt sind wichtig, um den Therapieerfolg zu überprüfen

Der Weg zur guten Gichtkontrolle

Viele Betroffene sind nach dem ersten Gichtanfall erleichtert, wenn die Beschwerden von selbst abklingen – und sehen keine Notwendigkeit für eine weitere Behandlung. Das ist ein häufiges und verständliches Missverständnis. Ohne langfristige Harnsäuresenkung werden die Anfälle in der Regel häufiger, länger und betreffen zunehmend mehr Gelenke. Tophi, Nierensteine und Gelenkzerstörung können die Folge sein.

Wer mit einem Arzt zusammenarbeitet, die Ernährung anpasst, ausreichend trinkt, Alkohol reduziert und bei Bedarf konsequent Medikamente einnimmt, hat sehr gute Chancen, ein nahezu anfallsfreies Leben zu führen. Gicht ist keine Schicksalserkrankung – sondern eine, bei der Eigenverantwortung und medizinische Begleitung gemeinsam sehr viel bewirken können.

Weitere Informationen zu rheumatischen Erkrankungen sowie zu Diagnose und Behandlungsoptionen finden Sie in unseren ausführlichen Ratgebern auf gelenk-hilfe.de.

Medizinischer Hinweis

Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt oder Orthopäden. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte immer einen Facharzt.

📚Wissenschaftliche Quellen

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